Deistergebirge

Historischer Steinkohlenbergbau im Deister

🌍 Der Deister vor 140 Millionen Jahren – Landschaft, Klima und die Entstehung der Steinkohle

Vor rund 140 Millionen Jahren lag das Gebiet des heutigen Deisters in einer völlig anderen Welt. Damals befand sich Nordwestdeutschland nahe des heutigen Tripolis in Nordafrika – also unmittelbar am Äquator. Europa lag in einer subtropischen bis tropischen Klimazone mit ausgeprägten Regen‑ und Trockenzeiten. In den tieferen Lagen entwickelte sich eine üppige Vegetation, die später die Grundlage für die Steinkohle bildete.


Ausgangsbasis  für die Steinkohlevorkommen des Deisters waren die Urwälder des Wealden Zeitalters

Die Schichten des Wealden (gesprochen: Wiilden, nach der englischen Landschaft "The Weald") bestehen in ihrer Gesamtheit im Wesentlichen aus Sandsteinen und Tonschiefern, in die Kohleflöze eingelagert sind.

 

Urwälder der Kreidezeit

🦕 Dinosaurier im Deistergebiet

Auch Dinosaurier bevölkerten diese Landschaft über Millionen von Jahren. Die weiten Sumpfgebiete boten ihnen ausreichend Lebensraum. Ein eindrucksvoller Beleg dafür sind Spuren großer Raubsaurier, die 2018 in Münchehagen entdeckt wurden. Die Tiere erreichten Längen von bis zu zehn Metern.

🌊 Der Wechsel von Meer und Land – Grundlage der Kohlebildung

Die Entstehung der Steinkohle im Deister ist eng mit dem ständigen Wechsel von Meer‑ und Landphasenverbunden. Das Meer bildete ausgedehnte Brackwasserzonen mit Meeresarmen, Lagunen, Inseln und bewachsenen Uferbereichen. Die Küstenlinie verlagerte sich häufig vor und zurück.

Das Niedersächsische Becken wirkte dabei wie eine Senke: Pflanzenreste wurden rasch von feinen Sedimenten bedeckt und so konserviert. Sümpfe und Moore wurden immer wieder vom Meer überflutet, das Sand und Geröll mit sich brachte. Dieser Prozess wiederholte sich viele Male.

Mit zunehmender Überdeckung stieg der Druck der Erdschichten. Dadurch wurde das Wasser aus dem Torf herausgepresst – ein entscheidender Schritt auf dem Weg zur Kohle.


🏞️ Ein isolierter Binnensee und fruchtbare Schwemmlandschaften

Im Nordwesten Deutschlands erstreckte sich ein weitgehend vom Ozean abgeschlossener Binnensee. An seiner südlichen Grenze lagerten Flüsse sandige und schluffige Sedimente ab. In diesem Schwemmland entstanden unter dem warmen, feuchten Klima ausgedehnte Sumpfwälder, deren Pflanzenreste sich über lange Zeiträume zu Torf und schließlich zu Kohle entwickelten.


🌿 Das Wealden – eine tropisch geprägte Urwaldlandschaft

Das Wealden‑Zeitalter war geprägt von einem tropisch‑subtropischen Klima. Die Vegetation bestand aus:

  • zypressenähnlichen Bäumen

  • Ginkgoarten

  • Koniferen

  • Farnen

  • palmenartigen Pflanzen

Riesige Sümpfe, tiefe Moore und ein dichter Urwald mit gewaltigen Baumriesen bestimmten das Landschaftsbild. Die Pflanzen lieferten kontinuierlich organische Substanz – ein entscheidender Faktor für die spätere Kohlebildung.



🔥 Vom Torf zur Steinkohle

Die Umwandlung von Pflanzenresten zu Kohle ist ein langer geologischer Prozess. Entscheidend sind:

  • Temperatur, die im Laufe der Zeit anstieg und die Umwandlung von Torf zu Braunkohle beschleunigte

  • Druck, der durch die Absenkung der Schichten erhöht wurde

So entstand aus Braunkohle schließlich Steinkohle, wie sie im Deister vorkommt.


🪨 Die Deisterkohle im geologischen Zusammenhang

Die Kohleschichten des Deisters gehören zum Niedersächsischen Wealden‑Sandstein, der in der Unterkreidezeit abgelagert wurde. Das wichtigste Kohleflöz liegt zwischen dem unteren Wealden‑Schiefer und dem mittleren Wealden‑Sandstein.

Die Deister‑Wealden‑Scholle ist heute nach Nordost geneigt – ein Hinweis auf spätere tektonische Verformungen. Die sogenannten Wurzelböden unterhalb der Kohleschichten zeigen, dass die Kohle genau dort entstand, wo die Pflanzen einst wuchsen.


 

⛏️ Wealdensteinkohle des Deisters

Die Wealdensteinkohle des Deisters ist ein fossiler Brennstoff, der aus pflanzlichen Resten in der Unteren Kreidezeit entstanden ist.

Diese geologische Epoche markiert den Beginn des jüngsten Abschnitts des Mesozoikums und setzte vor rund 146 Millionen Jahren ein. Ihr erster Zeitabschnitt trägt den Namen Wealden, benannt nach der englischen Region, in der typische Sedimente dieser Zeit erstmals beschrieben wurden. 


🌍 Entstehungsraum: Flussdeltas und Küstenebenen

Die Wealden‑Sedimente wurden in ausgedehnten Flussdeltas und Küsten ebenen abgelagert, die sich über Nordwestdeutschland und Nordostengland erstreckten. In diesen Landschaften entwickelten sich Sümpfe und Wälder, deren Pflanzenreste die Grundlage für die spätere Kohle bildeten.

 

🏞️ Geologische Hebung und Lagerstätten

Die wichtigsten Lagerstätten der Wealdensteinkohle liegen im Weser‑Ems‑Gebiet sowie im Deister‑Bückeberg‑Gebiet.

Während der Kreidezeit wurden diese Regionen durch tektonische Faltung angehoben.

Dabei entstanden die heutigen Bergrücken Deister und Süntel.

Durch diese Hebung gelangten Kohleflöze, die ursprünglich in tieferen Schichten abgelagert worden waren, näher an die Oberfläche und wurden dadurch zugänglich für den späteren Bergbau.


🔥 Qualität und Eigenschaften der Kohle

Die Qualität der Wealdensteinkohle variierte je nach:

  • Alter der Flöze

  • Lage innerhalb der Schichten

  • Entgasungsgrad

Im Allgemeinen war die Kohle in den oberflächennahen Stollen weniger gasreich als in den tieferen Schächten. Diese Unterschiede spielten später eine wichtige Rolle für die Sicherheit und die technische Entwicklung des Deisterbergbaus.

 

⛏️ Die Anfänge des Steinkohlenbergbaus im Deister


Die Geschichte des Steinkohlenbergbaus im Deister reicht bis in das 17. Jahrhundert zurück. Der früheste belegte Abbau fand am Bröhn, einem Berg südwestlich von Wennigsen, statt. Dort erkannten Beamte des Amtes Calenberg das wirtschaftliche Potenzial der Kohlevorkommen und berichteten darüber an

Herzog Georg von Braunschweig‑Lüneburg,

den damaligen Landesherrn des Fürstentums Calenberg.


Herzog Georg spielte im Dreißigjährigen Krieg eine bedeutende Rolle:

Er unterstützte die Schweden, befreite 1633 große Teile Niedersachsens von kaiserlichen Truppen und wurde 1634 zum General des Niedersächsischen Kreises ernannt.

In dieser Position förderte er gezielt die Entwicklung des Steinkohlenbergbaus in seinem Herrschaftsgebiet.


Ein wichtiges Datum markiert den Beginn des organisierten Bergbaus im Deister:  Am 21. August 1639 verpachtete Herzog Georg ein Kohlebergwerk am Bröhn für drei Jahre an Heinrich Schulze.


Damit zählt Schulze zu den ersten namentlich bekannten Bergbaubetreiber der Region – und der Deisterbergbau nahm seinen Anfang.


Mehrere Flöze im Sandstein eingelagert

Ausbiss am Bröhn

⛏️ Die Steinkohle im Deister – Lage, Geologie und Bergbaugeschichte

Die Steinkohle im Deister gehört zur Wealden‑Formation, die sich vom Osterwald bis zu den Bückeburger Bergen erstreckt. Sie liegt in mehreren Flözen, die unterschiedliche Mächtigkeiten aufweisen. Das wichtigste Flöz erreicht eine Stärke von 20 bis 130 cm und tritt an der Südwestseite des Deisterkamms zutage. Dort ist es bis heute an mehreren Stellen sichtbar – etwa am Nienstedter Blick oder am Feggendorfer Stolln (Hessenrösche).

In nordöstlicher Richtung fällt das Flöz gemeinsam mit den übrigen Gesteinsschichten um etwa 8 %ab. Dadurch liegt es am Deisterrand bei Barsinghausen–Egestorf bereits über 100 m unter der Erdoberfläche. Seine größte Tiefe erreicht es mit 752 m bei Großgoltern.

Der Steinkohlenbergbau im Deister begann nachweislich 1639 am Bröhn oberhalb von Wennigsen und prägte die Region über Jahrhunderte. Erst im 20. Jahrhundert endete die Förderung endgültig.



Beschaffenheit und Mächtigkeit des Wealdensandsteines  bei Bredenbeck   

aus :  Über die Gliederung der oberen Juraformationen und der Wealden-Bildung ( Prag   1863 )

                                                                                                            von   Heinrich Credner Königl. Hannoverscher Oberbergrath

Durch die Stollen- Anlagen für den Kohlenbergbau bei Bredenbeck hat man nach einer Mittheilung, 

 welche ich dem dortigen Betriebsbeamten, Herrn Würz  verdanke, die Beschaffenheit und Mächtigkeit des    Wealdensandsteines, wie folgend gefunden und zwar zunächst unter den Cyrenenschichten des Wealden-Thones


 in Meter           Gesteinsart

   6,542                Sandstein, weiss, merglig

    1,176                 Schieferthon, schwarzgrau, in Kohlenschiefer übergehend

   10,731                Sandstein, weiss,belblichgrau mit schwachen Zwischenlager von Kohlenschiefer

   0,588               Kohlenflötz, bauwürdig   ( 1 )

   1,764                 Sandstein mit  paludina carbonaria

   3,528                Mergelschiefer, dunkelgrau

   1,764                 gelber Sandstein

   6,003                grauer Sandstein mit schwachen Zwischenlagen aus Schieferthon

   0,073                Kohlenbesteg mit unreiner Kohle

   4,361                 weisser Sandstein, oben sandig-thonig,

   0,098                Kohlenbesteg mit unreiner Kohle

    8,281                Mergelschiefer mit schwachen Sandsteinlagen wechselnd

    0,245               Kohlenflötz mit unreiner Kohle

    4,312                weisser Sandstein, mit Schieferthon wechselnd

    8,453               grauer Sandstein, durch verkohlte Pflanzenreste schwarz gefleckt; drei Schichten mit Cyrenen angefüllt.

                            In der untersten Schicht wurde ein vollständiges Exemplar von Lepidotus Mantelli gefunden

     2,083              Schieferthon, mit 7 Zoll starken unreinen Kohlenflötz

      1,911                hellgrauer Sandstein, thonig

     0,196               Kohlenflötz unrein

      9,31                gelblich grauer Sandstein, zu oberst Sandschiefer mit Pflanzenabdrücken, Pterphyllum Schaumburgense, Sphenopteris Roemeri etc.

     0,343              Kohlenfötz, unrein, unbauwürdig

     2,94                grauer Sandstein

     0,147               Kohlenflötz, unrein

     8,134               dunkelgrauer Schieferthon mit Sandsteinbänken wechseln

     0,147               Kohlenflötz, rein

     3,504              Sandstein und Schieferthon wechseln, mit Sphenopteris Roemeri

     0,441               Kohlenflötz, bauwürdig   ( 2 )

     6,909              gelblich weißer Sandstein in starken Bänken

     0,245              Kohlenflötz, unrein

    11,589               Schieferthon, z. Th. Hellgrau , mit Sandsteinlagen wechselnd

     0,147               Kohlenflötz, unrein

    16,807              Sandstein grau, mergelig mit Zwischenlagen von weissem Sandstein und dunkelgrauem Mergelschiefer; eine Schicht mit  Cyrenen angefüllt

     0,147               Kohle, unrein

    18,081               hellgrauer bis weisser Sandstein mit Zwischenlagen von dunkelgrauem Schieferthon

     0,294               Kohlenflötz bauwürdig   ( 3 )

     2,352               schwarzer Schieferthon, zu unterst grauer sandiger Thon

       5,88               gelber Sandstein, mit schwachen Zwischenlagen von Schieferthon Darunter beginnt der Spermulit


     149,524   Meter   Mächtigkeit des Wealden- Sandsteines im östlichen Deister


Quelle: Über die Gliederung der Juraformation und der Wealden- Bildung von Heinrich Credner, Königlich Hannoverscher Oberbergrath,  Prag 1863

 Königlich Hannoverscher Oberbergrath H. Credner 1863

Flöz  III Feggendorf

⛏️ Frühe Kuhlengräberei am Bröhn

Bereits Ende des 16. Jahrhunderts wurde am Bröhn oberhalb von Wennigsen auf einfache Weise Steinkohle gewonnen. Abgebaut wurde dort, wo die Wealden‑Steinkohle durch natürlichen Bodenaufschluss – die sogenannte „Blume im Ausbiss“– oder durch gezielte Schürfungen an die Oberfläche trat.

Um die Kohle zu erreichen, trieben die frühen Bergleute an zahlreichen Stellen kleine Schächte in den Boden, die als Pingen bezeichnet werden. Das Flöz wurde so lange verfolgt, bis Grundwasser in die Vertiefungen eindrang und den weiteren Abbau unmöglich machte.

Nach dem Ende des frühen Bergbaus am Bröhn wurden allein dort 97 Schächte und Pingen gezählt – ein eindrucksvoller Beleg für die intensive Kuhlengräberei und die Bedeutung der Steinkohle in dieser frühen Phase des Deisterbergbaus.


Alte Pinge am Bröhn

Glück Auf ! - dieser alte Bergmannsgruß steht nicht nur für den Wunsch der Bergleute nach der Schicht gesund aus dem Bergwerk heimzukehren. Er heißt auch:"

Ich wünsch Dir Glück tu einen neuen Gang auf " .

Der Gruß beschrieb im 16 Jahrhundert die Hoffnung der sächsischen Bergleute, es mögen sich Erzgänge auftun. Beim Abbau von Erzen ließ sich nur unsicher vorhersagen, ob die Arbeit der Bergleute überhaupt zu einen Lohn führen würde

Schlägel und Eisen

Die gekreuzten Schlägel und Eisen waren jahrhundertelang die wichtigsten Arbeitsgeräte der Bergleute beim Vortrieb von Strecken  und den Abbau der Erze.

Sie gelten noch heute als Symbol für den Bergbau.

Bergbauspurensuche ist eine großartige Möglichkeit sich mit technischen,wirtschaftlichen und sozialen Fragen auseinanderzusetzen. Bis auf den Mögebierstollen sind die Schächte und Stollen oberhalb von Wennigsen verfallen. Hinweistafeln , wie im Bereich Barsinghausen vorhanden, fehlen hier . Erkennungsmerkmale  historischer Bergwerke sind die noch vorhandenen Halden. Unter Halden versteht mann die Ansammlung des tauben Hauwerkes vor den Stollenmundlöchern oder Schächten.

Aus den Maßen der Halden kann mann Rückschlüsse auf die Größe des  ehemaligen

Grubenfeldes ziehen. Die meisten Halden oberhalb von Wennigsen sind  über  100 Jahre  alt. Da sich in der langen Zeit ausreichend Material zur Humusbildung angesammelt hat ,ist ein reichhaltiger Bewuchs der Halden vorhanden. Die Stollen und Schächte sind in der Regel verbrochen. Überbleibsel von  Berghäusern und Wirtschaftsgebäuden sind kaum noch zu finden.

Wünschelruhengänger sucht nach Steinkohlen im Ausbiss.


Markscheider

Die Vermessung der Bergwerke und die Erstellung der Grubenrisse erfolge durch die Markscheider.

Im Bergbau spielte die Markscheidekunst ( Mark=Grenze; scheiden= trennen) zur Orientierung in den Grubenalagen und bei der Lagerstättenerkundung schon sehr früh eine Rolle. Die ersten Messungen erfolgten zumeist auf der Grundlage von Dreiecken mit Lot, Pendelwage und Schnur. Um1660 wurde bereits der Hängekompass eingesetzt. Damit trug er wesentlich zur Verbesserung des Rißwesens bei.

Markscheider bei der Vermessung " Unter Tage "

Haspelknechte

Franz-Ernst von Platen

um 1695

Literaturhinweise:

Heinrich Credner- Über die Gliederung der oberen Juraformation und Wealden- Bildung ...  1863

Die Steinkohlen Deutschlands und anderen Länder Europas, München 1865) 

Ebert - Geschichtliche Darstellung des Kohlenbergbaues im Fürstentum Calenberg- 1866

Stedler - Beiträge zur Geschichte Fürstentums Kalenberg- 1886

Bersch- Mit Schlägel und Eisen- 1889

Heidorn- Altes und Neues vom Deister-  1903

 Friedrich Wüllner- 750 Jahre Wennigsen- 1950

Walter Köpping- Lebensberichte  deutscher Bergarbeiter - 1983

Ingeborg Weber- Kellermann - Landleben im 19. Jahrhundert  -1987

Helmuth Trischler-  Steiger im deutschen Bergbau-  1988

Wolfgang Jäger- Bildgeschichte der deutschen Bergarbeiterbewegung - 1989

Menneking- Deisterköhle- 1993

Barsinghausen-  Unter Klöppel, Schlegel und Eisen -1994

Horst Krenzel- Erinnerungen an den Steinkohlenbergbau im Deistergebirge -1996

Dirk Neuber- Energie und Umweltgeschichte des Niedersächsischen Steinkohlebergbaus - 2002 

Michael Farrenkopf - Schlagwetter und Kohlenstaub - 2003

Heinz Wöltje-  Zeitreise 1754 - 2004 Wennigsen Argestorf - 2004

Michael Fessner u.a.  - Auf  breiten Schultern -   750 Jahre Knappschaft  - 2011

Feggendorfer Stolln e.V. - Dokumentation der Geschichte des Feggendorfer Bergbaus-  2013

Förderverein Besucherbergwerk Barsinghausen e.V. -  Die Deister- Kohlepfade- 2014

Werner Kroker -Mit Schlägel und Eisen- Reprint Ausgabe  VDI Verlag 1985