Hermann Löns Unter Tage im Deister

Herman Löns  Grubenfahrt  1893

Herman Löns hat am 19.August 1893 eine Grubenfahrt  in Barsinghausen - Egestorf gemacht und im Rahmen einer vierteiligen Serie über die Deisterorte geschrieben.

Barsinghausen - Egestorf   unter Tage

...... Bald standen wir vor der Mündung des Klosterstollens, einem unendlichen Tunnel. Der Führer steckte die Grubenlichter an und befestigte das seinige  vor seiner Mütze. Dann traten wir unsere unterirdische Reise an.

Ein eiskalter Luftzug schwoll mir entgegen, und dumpf widerhallten unsere Schritte in den sauber gemauerten, mit eisernen Rippen und Platten gesicherten Gewölbe. Über die Sohle des Stollens liefen mehrere Gleise. Von Zeit zu Zeit bemerkte ich an den Seiten des Stollens Nieschen, damit die Bergleute den Förderzügen ausweichen können. Noch einmal sah ich mich um- der weiße Fleck hinter mir war verschwunden. Nacht und Dunkelheit war vor und hinter mir. Schwach zuckten die winzigen Lämpchen, und der nasse Fußboden quatschte laut unter unseren Fußtritten. Eisig pfiffen die  "Wetter", feucht schlugen sie mir ins Gesicht. Mit lautem Tropfenfall rann das Wasser nieder, und unheimlich rote Okerstreifen zogen sich am "Blaustein" hin. Feucht, kalt und dunkel war alles um mich herum. Längere Zeit wanderten wir so weiter, dann tauchten Lichtpüntchen auf, und ein eigentümliches Rollen verkündete das Nahen eines Zuges. Wir drückten uns in eine Nische. Der Zug nahte, das Pferd, eine lange Wagenreihe voller Kohle. Auf den ersten Wagen saß ein Bergmann"Glückauf" klang es von ihm und von uns. Dann passierten wir eine Nische für Weichensteller und eine Dynamitkammer. Ab und zu blitzte in der Dunkelheit ein Licht auf, es funkelte über einen rußigen Gesicht, und wieder klang der schöne Ruf "Glückauf". dann gingen wir durch eine Wettertür und gelangten zu einen Senkschacht, der hier angebracht ist, weil hier eine Verwerfung des Flözes vorliegt. Mit "Glückauf" empfingen uns hier die Bergleute. In einen mächtigen Aufzug wird hier die Kohle von einen Flözteil in das andere gehoben. Dann ging es wieder zurück, wir bogen vom Hauptstollen rechts in die Südgrundstrecke ab. Hier war es noch feuchter als in dem Hauptstollen. Vorne lag ein Pferdestall. Unter ihm rauschten und donnerten die Grubenwässer. Ab und zu drang ein dumpfes Gedonner an mein Ohr; es wurde auf den " Bremswerken" die Kohle aus den Wagen gekippt. Dieses Gedonner, das wilde Rauschen der Wasser und das unheimliche  Getöse der Wetter bildeten eine großartige Symphonie, ein ungeheures Konzert. Dabei der Tropfenfall von den Wänden, das trübrote Wasser in dem Graben an der Seite, die bleichen Pilzschnüre an den klatsch-nassen Wänden, die zuckenden flackernden Lämpchen- alles das gibt einen überwältigenden Gesamteindruck, den ich nie vergessen werde.

............  Nun kam der bösere Teil der Fahrt. Ich wollte die wackeren Bergleute bei der Hauptarbeit,wollte sie "vor Ort" sehen, mußte mich also so tief und solang bücken, wie ich es noch nie im Leben tat. Es ging einen engen Gang die "Fährt" hinauf, der nur wenig höher als ein tief gebückter Mensch war. Oft musste ich mich an die Seite drücken, wenn ein Junge mit den Stoßkarren uns begegnete. Bald protestierte mein Rückrat energisch gegen diese gezwungene Haltung. Aber es half nichts, ich mußte weiter. Jetzt bogen wir in einen zweiten Seiteneingang, ebenso unangenehm niedrig, die " Strecke"(Abbaustrecke) genannt, ein und waren bald " vor den  Flöz". Am Grunde des "Gebirges", daß heißt der Felswand, lag ein Bergmann auf der Seite und hieb die Kohle mit der Spitzhacke ( Keilhaue ) heraus. Prasselnd rollte sie nieder und kam in die Schleppkarren, ein Gefährt von höchstens 35 Zentimeter Höhe.

Jedoch,was war das? Da klingt es ja unter uns "Glückauf!" Und jetzt sah ich erst,wo die Stimme herkam: nämlich aus der Höhlung am Grunde des Bodens,die sich horizontal und breit zwischen der oberen und unteren Gesteinsdecke hinzog. Nun hieß es , sich noch tiefer bücken. Platt auf den Boden mußte ich mich legen und so " vor Ort" krichen. Das ging nicht so leicht; denn der Raum war nur 45 Zentimeter hoch, so dick wie das Flöz, und dicht nebeneinander gestellte Holzstücke,die Stempel, erschwerten das Vorwärtsrutschen. Denn Krichen kann mann das nicht mehr nennen,weil der Körper sich durchaus nicht auf die Knie erheben kann. Und da lag ich und schwitzte, daß große schwarze Schweißtropfen auf den Notizblock klatschten und die Schrift verwischten. Neben mir lag,halb auf der linken Seite ,halb auf den Rücken, ein Bergmann und gebrauchte fleißig die Spitzhacke. Hier wurde mir aber etwas schwül - es war auch ziemlich warm-, und einen Zentimeter über meinen Rücken die horizontale Gesteinsdecke, rechts und links, hinten und vorne die Stempel, an der Seite die funkelnde Kohle, ein langes schmales Band bildend. Und um mich herum klopfte und schnurrte es, Kohlenstaub rieselte auf meinen Nacken, und der Schweiß lief mir in Strömen unter dem dicken Schachthut hervor. Wenn jetzt die Decke sich senkt! dachte ich. Über mir 70 Meter Gebirge, der Raum in den ich liege,kaum einen halben Meter hoch, schwarz wie die Nacht, nur von winzigen Öllämpchen spärlich erleuchtet- wahrlich der Bergmann ist ein Held der Arbeit. Und die Arbeit ist, abgesehen von der stets damit, auch im sorgfältigsten Bau, verbundenen Lebensgefahr, eine schwere. Das merkte ich, als ich mich auf die Seite drehte und mit der Spitzhacke in den Flöz schlug. Bald wurde mir der Arm lahm, trotzdem die Kohle leicht bricht. Mit Not und Mühe schob ich mich dann aus dem "Streb" in die "Strecke" und setzte mich ermüdet auf ein Stück " Alten Mann", wie man das losgelöste Gebirge nennt. Aber bald ging es weiter,aus der Strecke hinaus wieder in die Fährt, immer tief gebückt, als wäre man auf Ordensjagd. Nach einer Viertelstunde aber musste ich mich niedersitzen; es meldete sich bei mir ein Hexenschuß. Um die Grubenlampe tanzten bleiche Mücken, und eine dicke Ratte lief in die Strecke. Wovon die Tiere leben, weiß ich nicht. Und wieder ging es mit vielen Pausen weiter auf nassen Boden, wo der Schlamm hoch aufspritzte- immer noch tief gebückt. Endlich kamen wir in den Egestorfer Stollen, und erleichtert atmete ich auf, als ich mich wieder aufrichten durfte. Bald leuchtete, wie ein silberner Mond, das Stollenende, und nicht lange darauf waren wir "zu Tage", wo der Himmel mir blauer als sonst und der Wald noch einmal so grün schien.......

 

Mundloch des Egestorfer Stollen

Manfred Meyer

Max-Planck-Str. 51

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