Die Geschichte von Sigmundshall

Die  120- jährige  Geschichte des Kalischachtes Sigmundshall

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⭐ Die Geschichte des Werks Sigmundshall –

                                                   120 Jahre Kalibergbau im Wandel der Zeit

                                                                                                                                                               Quelle: K+S


🧭 Einleitung


Mit seiner über 120‑jährigen Geschichte ist das Werk Sigmundshall eines der traditionsreichsten Kalibergwerke Deutschlands. Seine Entwicklung zeigt eindrucksvoll, wie sich Technik, Wirtschaft und Bergbaukultur über ein Jahrhundert verändert haben. Von der Zeit des „Kalibooms“ bis zur modernen Rohstoffindustrie spiegelt Sigmundshall die gesamte Dynamik des deutschen Kalibergbaus wider.


🏭 Industriegeschichte im Zeitraffer


1898 – Teufbeginn im Kaliboom

Mitten im wirtschaftlichen Aufschwung des späten 19. Jahrhunderts wird der Schacht Sigmundshall geteuft. Er ist einer von über 200 Kalischächten im Deutschen Reich – ein Zeichen der enormen Nachfrage nach Kalidüngemitteln.


1906 – Bau der Kalifabrik

Die Kalifabrik entsteht, und die Düngemittelproduktion beginnt. Damit wird Sigmundshall zu einem wichtigen Standort der landwirtschaftlichen Versorgung.


1913–1914 – Erweiterung des Bergwerks

Der Schacht Weser in Altenhagen wird ab 1913 geteuft und 1914 mit Sigmundshall verbunden.

In den 1920er Jahren erfolgt der Kaliabbau auf „Gebrück“, einem bedeutenden Abbaugebiet.


1933 – Stilllegung durch staatliche Produktionslenkung

Im Zuge der zentralen Steuerung der Kaliindustrie wird das Werk vorübergehend stillgelegt.


1949 – Wiederaufnahme der Produktion

Nach dem Verlust vieler Kaliwerke in Mitteldeutschland infolge der deutschen Teilung wird Sigmundshall wieder in Betrieb genommen und gewinnt erneut strategische Bedeutung.


⚙️ Technische Entwicklung und Ausbau


1960 – Schmelzsalzherstellung

Beginn der Produktion von Schmelzsalzen für metallurgische Anwendungen – ein wichtiger Schritt in Richtung industrieller Diversifizierung.


1965–1969 – Schacht Kolenfeld

Der Schacht Kolenfeld wird geteuft und zum einziehenden Wetter- und Materialschacht ausgebaut.

Damit verbessert sich die Bewetterung und Logistik des gesamten Grubengebäudes.


Ende der 1960er Jahre – Mechanisierung

Einführung gleisloser Fördermaschinen und zügige Mechanisierung der Gewinnungsarbeit.

Dies steigert die Sicherheit und Effizienz erheblich.


Ende der 1970er Jahre – Großraumwaggons

Die Streckenförderung wird modernisiert. 1979 überschreitet die Jahresförderung erstmals 2 Millionen Tonnen.



🔧 Innovation und Spezialisierung


1992 – REKAL-Anlage

Bau einer Anlage zum Recycling von Aluminium‑Salz‑Schlacken (REKAL). Sie wird später ein zentraler Bestandteil des Standortkonzepts.

Das geplante Schachtprojekt Husum wird nach der Wiedervereinigung aufgegeben, da sich die Struktur der deutschen Kaliindustrie grundlegend verändert hat.


1995 – Beginn der Haldenabdeckung

Mit REKAL‑Rückstand wird die Halde abgedeckt und anschließend begrünt – ein langfristiges Umweltprojekt.


1997 – Erreichen der 1.400‑Meter‑Sohle

Der Abbau verlagert sich in immer größere Tiefen.


1999 – Neue Produktionslinie

Aufbau einer modernen Linie zur Herstellung von Düngemittelspezialitäten auf Hartsalz‑/Kieserit‑Basis.


2001 – Kieseritproduktion

Beginn der Kieseritproduktion und Nutzung des Staßfurtflözes als zusätzliche Rohsalzbasis. Dies verlängert die Betriebsdauer des Werks erheblich.


2003 – 3‑Millionen‑Tonnen‑Marke

Die Jahresförderung überschreitet erstmals 3 Millionen Tonnen.


2007 – Serien‑Baumaschinen

Einführung moderner Serien‑Baumaschinen für die Streckenförderung im Grubenbetrieb.


2014 – Abbau in großer Tiefe

Die Rohsalzgewinnung konzentriert sich fast vollständig auf den Bereich zwischen 1.150 und 1.400 m. In diesen Tiefen herrschen Temperaturen von bis zu 50 °C.


🛑 Stilllegung und Neuausrichtung


November 2017 – Entscheidung zur Schließung

Der K+S‑Vorstand beschließt, die Salzförderung und Kaliproduktion zum Ende des Jahres 2018 einzustellen. Ein wirtschaftlicher Betrieb ist nicht mehr möglich. Allen betroffenen Mitarbeitern werden neue Arbeitsplätze an anderen Standorten angeboten.


21.12.2018 – Die „letzte Tonne“

Mit der Förderung der letzten Tonne endet die Kaliproduktion im Werk Sigmundshall. Insgesamt wurden seit 1904 rund 130 Millionen Tonnen Rohsalzgefördert und zu Düngemitteln und Industrieprodukten verarbeitet.



🔮 Sigmundshall ab 2019 – Zukunft als Innovationszentrum


Neue Ausrichtung des Standorts

Seit 2019 wird Sigmundshall zum Innovationszentrumweiterentwickelt. Hier sollen neue Geschäftsaktivitäten erprobt und angesiedelt werden.


Fortführung der REKAL-Anlage

Die REKAL‑Anlage produziert weiterhin im bisherigen Umfang. Der Recyclingrückstand wird zur Haldenabdeckung genutzt. Die Begrünung der Halde soll bis ca. 2037abgeschlossen sein.


Sicherung und Flutung des Bergwerks

Das Grubengebäude wird gesichert und auf die spätere Flutungvorbereitet – ein gesetzlich vorgeschriebener Schritt für stillgelegte Salzbergwerke in Niedersachsen.


Ausbildung bleibt bestehen

K+S setzt die Ausbildung fort:

  • 2019 werden neun neue Auszubildende eingestellt

  • Ab 2020 wird die Ausbildung auf Chemikanten konzentriert .Damit bleibt Sigmundshall ein wichtiger Ausbildungsstandort.



📌 Abschluss


Die Geschichte des Werks Sigmundshall ist ein außergewöhnliches Kapitel deutscher Bergbaugeschichte. Sie zeigt technische Pionierleistungen, wirtschaftliche Umbrüche und die Fähigkeit, sich immer wieder neu zu erfinden. Auch nach dem Ende der Kaliproduktion bleibt der Standort ein bedeutender Teil der regionalen Industrie – als Innovationszentrum, Ausbildungsstätte und Ort nachhaltiger Haldenbegrünung.


Die Tagesanlagen von Sigmundshall

⭐ Bergbautradition seit 1898 – Das Kaliwerk Sigmundshall


Das Kaliwerk Sigmundshall war das letzte noch produzierende Kalibergwerk in Niedersachsen. Über mehr als ein Jahrhundert wurden dort Rohstoffe für kalium- und magnesiumhaltige Düngemittel sowie Kaliumchlorid gewonnen – ein Stoff, der in der Industrie unter anderem für elektrochemische Prozesse genutzt wird. Die geologische Besonderheit des Standortes ist die steile Lagerung der Rohstoffe: Der Salzstock erstreckt sich rund 12 Kilometerunter der Erde und erreicht eine Breite von bis zu 1.000 Metern. Diese Struktur machte den Abbau technisch anspruchsvoll und prägte die gesamte Betriebsführung.


🏭 Die frühen Jahre (1898–1906)

Der Abbau wurde ab 1898 vorbereitet – zunächst durch die Gewerkschaft Matthias, die die ersten Schritte zur Erschließung des Salzstocks unternahm. Im Jahr 1902 übernahm die Alkaliwerke Sigmundshall AG den Betrieb. Der Name des Werkes erinnert bis heute an den hannoverschen Aufsichtsratsvorsitzenden Sigmund Meyer, der maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war.

Mit der Inbetriebnahme der Kalifabrik im Jahr 1906begann die industrielle Produktion. Gleichzeitig wurde der Anschluss an die Steinhuder‑Meer‑Bahn realisiert – eine wichtige logistische Verbindung, die bis heute besteht. 


🔧 Strukturelle Veränderungen und Neubeginn (1933–1949)

Nach mehreren Unternehmenszusammenschlüssen ging Sigmundshall 1937 in den Vereinigten Kaliwerken Salzdetfurth auf. Der Betrieb in Bokeloh war jedoch bereits 1933 im Zuge der staatlichen Produktionslenkung eingestellt worden.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg – und dem Verlust vieler Kaliwerke in Mitteldeutschland – wurde Sigmundshall wieder wichtig: 1949 nahm das Werk die Rohsalzförderung erneut auf und entwickelte sich zu einem zentralen Standort der westdeutschen Kaliindustrie.


⚙️ Technische Weiterentwicklung und Modernisierung (1949–1997)

In den folgenden Jahrzehnten wurde das Werk kontinuierlich modernisiert. Neue Abbautechniken, verbesserte Bewetterung und leistungsfähigere Maschinen machten Sigmundshall zu einem der fortschrittlichsten Kalibergwerke Deutschlands.

Ein Meilenstein war 1997 das Erreichen der 1.400‑Meter‑Sohle– ein Zeichen für die zunehmende Erschließung tiefer Lagerbereiche und die hohe technische Leistungsfähigkeit des Betriebs.

Seit diesem Jahr gehörte das Werk zur Kali und Salz AGin Kassel (heute K+S Minerals and Agriculture GmbH).


📌 Zusammenfassung

Sigmundshall steht für über ein Jahrhundert Bergbaugeschichte:

  • technische Pionierleistungen

  • wirtschaftliche Umbrüche

  • geologische Besonderheiten

  • und eine starke regionale Verwurzelung

Der Standort prägte Generationen von Bergleuten und war bis zuletzt ein bedeutender Teil der niedersächsischen Rohstoffindustrie.


 Sigmundshall Zechenhof  1904



⚒️ Die letzte Tonne – ein Abschied mit Bergmannstradition

Am 21. Dezember 2018 förderten die Kumpel die letzte Tonne Kaliaus dem Salzstock von Bokeloh. Dieser Moment wurde zu einem würdigen Abschluss der jahrzehntelangen Arbeit unter Tage:

Die Bergleute fuhren die letzte Tonne durch ein Spalier befreundeter Bergmannsvereinesowie der Kumpel aus dem Bergwerk Feggendorf. Ein traditioneller Akt, der die Verbundenheit der Bergleute über Werk- und Regionsgrenzen hinweg zeigte.




SSchicht im Schacht am 21.12.2018

👷 Belegschaft und Übergang nach der Stilllegung


Bis zur endgültigen Einstellung der Förderung waren im Werk Sigmundshall noch 660 Kumpel beschäftigt. Nach dem Produktionsende übernahmen rund 220 Bergleute die Aufgaben der folgenden Jahre:

  • Aufräum- und Rückbauarbeitenim Grubengebäude

  • Sicherung des Bergwerksfür die spätere Flutung

  • Weiterbetrieb einzelner Anlagen über Tage, darunter die REKAL‑Anlage

  • Technische Betreuung und Überwachungder Übergangsphase

Damit blieb ein Teil der Belegschaft weiterhin am Standort tätig und sorgte für einen geordneten Übergang vom aktiven Bergwerk zum Nachnutzungsbetrieb.


⭐ Förderung von

1898 bis 2018 –insgesamt

130 Millionen Tonnen

Mit der Einstellung der Kaliproduktion im Dezember 2018 endete nach 120 Jahren ein bedeutendes Kapitel niedersächsischer Bergbaugeschichte. Seit 1898 wurden im Werk Sigmundshall rund 130 Millionen Tonnen Rohsalz gewonnen und zu Düngemitteln sowie Industrieprodukten verarbeitet.


⭐ Nachnutzung des Kaliwerks Sigmundshall in Bokeloh



Die Nachnutzung des ehemaligen Kalibergwerks Sigmundshall folgt einem langfristig angelegten Sicherheits- und Stabilitätskonzept. Nach dem Ende der Kaliproduktion wurde das Bergwerk in den Abschlussbetriebsplan überführt, der den kontrollierten Rückzug aus dem Grubengebäude und die anschließende Flutung regelt.

Die  K+S Minerals and Agriculture GmbH  legte diesen Abschlussbetriebsplan im Dezember 2019 vor. Mit seiner Zulassung ist ein umfangreiches Monitoring programm verbunden, das sowohl über Tage als auch unter Tage die Flutungsmaßnahmen überwacht und dokumentiert.


🛡️ Ziel der Flutung – Sicherheit für die Zukunft

Gemäß § 7 der Allgemeinen Bergverordnung (ABVO)müssen stillgelegte Salzbergwerke in Niedersachsen planmäßig geflutet werden. Diese Maßnahme dient dazu, das Bergwerk in einen dauerhaft sicheren Zustand zu versetzen und den Schutz der Öffentlichkeit vor möglichen Gefahren aus der früheren untertägigen Gewinnung zu gewährleisten.

Durch die Flutung entsteht ein Gegendruck, der dem überlagernden Gebirgsdruck entgegenwirkt. Dieser Gegendruck stabilisiert das Grubengebäude und minimiert langfristig die Auswirkungen der jahrzehntelangen bergmännischen Tätigkeit.



🌊 Ablauf der Flutung

Die Flutung erfolgt über einen Zeitraum von rund 20 Jahren. In dieser Zeit werden etwa 42 Millionen Kubikmeter salzhaltiger Wässerin das Grubengebäude eingebracht.

Diese Wässer füllen die Hohlräume des Bergwerks und erzeugen den notwendigen Druckausgleich. Das Monitoringprogramm stellt sicher, dass die Flutung kontrolliert, gleichmäßig und ohne unerwünschte Nebeneffekte verläuft.



📋 Teil eines umfassenden Sicherheitskonzepts

Die Flutung ist nicht nur ein technischer Vorgang, sondern Bestandteil eines umfassenden Planungs- und Sicherungsprozesses, der folgende Ziele verfolgt:

  • Stabilisierung des Bergwerksnach der Stilllegung

  • Schutz der Oberfläche vor möglichen Senkungen oder Verformungen

  • Überwachung aller relevanten Parameterdurch ein über- und untertägiges Messnetz

  • Langfristige Gewährleistung der öffentlichen Sicherheit

Damit wird Sigmundshall nach seiner aktiven Betriebszeit in einen Zustand überführt, der auch in den kommenden Jahrzehnten zuverlässig und sicher bleibt.


Halde  Sigmundshall in Bokeloh.


⭐ Einwirkungsbereich für besondere Anlagen – Erweiterung 2025

Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie (LBEG) hat einen aktualisierten Einwirkungsbereich für besondere Anlagen rund um das ehemalige Kaliwerk Sigmundshall veröffentlicht. Ein solcher Bereich beschreibt jene Gebiete an der Oberfläche, in denen es theoretisch zu Bergschäden kommen kann – etwa zu Senkungen, Hebungen oder Erdrissen, die durch frühere bergbauliche Aktivitäten ausgelöst werden.

Im Werk Sigmundshall wurde bis 2018 Kali abgebaut; seit der Stilllegung wird das Grubengebäude kontrolliert mit salzhaltigen Wässern verfüllt. Die Festlegung eines Einwirkungsbereichs ist gesetzlich vorgeschrieben, sobald Senkungen von mindestens zehn Zentimeternnachgewiesen wurden. Doch auch geringere Bodenbewegungenkönnen eine Kennzeichnung erforderlich machen – insbesondere dann, wenn sich im betroffenen Gebiet empfindliche Infrastrukturbefindet.

Genau das ist in Wunstorf der Fall:

  • der Mittellandkanal,

  • die Autobahn A2,

  • sowie die Bahnstrecke Hannover–Minden

verlaufen direkt über den ehemaligen Abbauhohlräumen. Solche Bauwerke reagieren bereits auf Bodenveränderungen unterhalb der Zehn‑Zentimeter‑Marke, abhängig von Konstruktion und Betriebsweise. Deshalb wurde der bestehende Einwirkungsbereich nun erweitert, um die tatsächlichen geomechanischen Gegebenheiten besser abzubilden.

Der Grundgedanke dieser besonderen Kennzeichnung ist klar: Schon kleine Veränderungen im Untergrundkönnen für überlagernde Verkehrs‑ und Wasserbauwerke relevant sein. Die Aktualisierung des Bereichs stellt sicher, dass mögliche Auswirkungen des früheren Bergbaus korrekt erfasst und überwacht werden.